Geht der Wohnungsbau am Bedarf vorbei?

Veröffentlicht am 1. Juli 2019

Dirk Streicher, Vorstandsvorsitzender des BFW-Niedersachsen / Bremen, erläuterte die Entwicklung der Branche mit einem kleinen volkswirtschaftlichen Exkurs. (Foto: Niklas Krug)

Bauland zur Verfügung stellen, Grundstückskosten senken und Regularien nicht weiter verschärfen - beim diesjährigen Hannover-Forum des BFW-Niedersachsen/Bremen waren die Stellschrauben für mehr Wohnraumschaffung schnell formuliert. Unabhängig der angespannten Situation, ging es aber auch um die Frage, wie der aktuelle und zukünftige Bedarf an Wohnraum aussieht und wie nachhaltig die derzeit entstehenden Wohnungsangebote sind.

Die angespannte Wohnungsmarktlage wurde auch unter den rund 200 Vertretern aus Immobilienwirtschaft, Politik und Verwaltung sowie Industrie kontrovers diskutiert: Zum Auftakt erläuterte Dirk Streicher, Vorstandsvorsitzender des BFW-Niedersachsen/Bremen, mit einem kleinen volkswirtschaftlichen Exkurs die Entwicklung der Branche. Zu der Fragestellung, wie seriös der derzeitige Wohnungspopulismus ist, mahnte er: „Wenn jetzt falsche Weichen gestellt werden, werden keine neuen Wohnungen gebaut. Für die dringend notwendigen Lösungen ist konstruktive Zusammenarbeit gefordert.“ Aus diesem Grund beteilige sich der BFW-Niedersachsen/Bremen auch intensiv in allen 5 Arbeitsgruppen des Bündnisses für bezahlbares Wohnen in Niedersachsen.

Anschaulich untermauert wurden seine Ausführungen vom BFWBundesgeschäftsführer Christian Bruch, der statt eines Berichts aus Berlin mit deutlichen Worten auf die bundesweite Branchenentwicklung einging: „Ich habe manchmal das Gefühl, wir alle sitzen in einem Bus und rasen wissentlich auf den Abgrund zu. Statt rechtzeitig zu bremsen, diskutiert die Politik aber scheinbar lieber darüber, ob der richtige Radiosender eingestellt ist.“ Sein Versprechen an die Zuhörer: „Der BFW wird sich nicht verleiten lassen, über den richtigen Musikgeschmack zu diskutieren. Die Wohnungswirtschaft weiß, wie bremsen funktioniert. Was wir brauchen sind Mut und Entschlossenheit, um erfolgreich zu bauen und keine weiteren Experimente“. Konkret richtete er sich damit an die Politik und forderte, Nutzungsklassen nicht weiter gegeneinander auszuspielen, sondern einfach mehr Bauland zur Verfügung zu stellen.

Politisch bewegt sich etwas

Dass politisch bereits einiges in Bewegung geraten ist, brachte Stefanie Nöthel, Abteilungsleiterin Bauen und Wohnen beim niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz, zum Ausdruck. Sie stellte die Ergebnisse des Bündnisses für bezahlbares Wohnen in Niedersachsen vor, an dem verschiedene Interessengruppen in den vergangenen 12 Monaten intensiv gearbeitet haben. So wurden über 100 Handlungsempfehlungen formuliert, von denen viele sofort und einige nach einer weiteren Konkretisierung umgesetzt werden können.

Die Aussichten nach den Ausführungen von Stefanie Nöthel fasste Streicher optimistisch zusammen: „Wenn die Pläne so umgesetzt werden, gibt es bald mehr Bauland, ab Sommer weitere Fördergelder und mit digitalen Baugenehmigungsverfahren können wir dann auch schneller bauen.“ Welche Maßnahmen die Region Hannover ergreift, um den dringend benötigten, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, stellte der Stellvertretende Regionspräsident Michael Dette vor:

So wurde bereits 2016 die WohnBauInitiative Hannover gestartet, die sich im Schwerpunkt auf die Bereiche „Fläche und Förderung“ konzentriert. Als Instrumente zur Zielerreichung von 28.300 Wohnungen bis 2025 nannte Dette das Wohnbauflächenkataster, eine geplante Koordinierungsstelle Wohnungsbau, die Wohnraumförderung, das Regionale Wohnraumversorgungskonzept und die WohnBau-Prämie.

Auf Entwicklungen am Wohnungsmarkt bedarfsgerecht reagieren

Zur Frage nach dem Bedarf stellte Achim Däbert von der NBank die aktuellen Entwicklungen des niedersächsischen Wohnungsmarktes vor: „Der Markt wird sich verändern und die Branche darf sich nicht ausruhen. Während 2009 noch die Strömung vom Land in die Städte zu beobachten waren, findet seit 2017 wieder eine Abwanderung ins Umland statt. Bedarf und Nachfrage sind stark von der Lebensphase abhängig. Was wir heute und in Zukunft brauchen, sind nachhaltige Konzepte für unterschiedliche Lebenssituationen“. Einen besonderen Stellenwert misst er in diesem Zusammenhang dem Quartier bei.

Wie unterschiedliche Nutzungsformen miteinander verbunden werden können, zeigt das Beispiel des Bremer Quartiers „Europahafenkopf“( Haus und Grundbesitz berichtete darüber). Für das moderne Stadtquartier entstehen in der Bremer Überseestadt 4 individuell gestaltete Gebäudekörper mit einer Mischnutzung aus Büro, Wohnen, Mobilität, Gastronomie und Freiflächen. Geplant sind 345 Wohnungen, darunter rund 25 Prozent geförderter Wohnungsbau.

Unter Moderation von Immobilienjournalist Christian Hunziker (re.) diskutierten die Teilnehmer über die Schaffung nachhaltiger und zukunftsfähiger Wohnungsangebote. (Foto: Niklas Krug)

Was sind nachhaltige und zukunftsfähige Wohnungsangebote? Diese Frage dominierte das 37. Hannover-Forum, zu dem rund 200 Vertreter der Branche kamen. (Foto: Niklas Krug)

Holger Römer, Leiter Unternehmenskommunikation bei der Zech Group GmbH: „Unsere Städte müssen sich zu attraktiven Begegnungsstätten mit einer hoher Aufenthaltsqualität entwickeln. Das bedeutet u.a., dass wir Wohnen und Arbeiten mit anderen Angeboten, wie Gastronomie und attraktiven Freiflächen, verknüpfen, um ein lebendiges, urbanes Stadtquartier für die unterschiedlichsten Nutzergruppen zu schaffen“.

Wie realistisch sind Angebote für alle Nutzergruppen?

In der abschließenden Diskussion dominierten 3 Fragen die Debatte: Was treibt die Baukosten in die Höhe? Wie flexibel können wir bauen? Und bauen wir momentan nicht am Bedarf vorbei? Einig waren sich die Diskutanten, welche Faktoren zu der enormen Erhöhung der Baukosten in den letzten Jahren beitragen: Allen voran steht die mangelnde Verfügbarkeit von Grundstücken, die zu einer immensen Erhöhung der Grundstückspreise führt.

„Für einen nachfragegerechten Wohnungsbau ist vor allem die Baulandentwicklung und eine sozial verantwortungsvolle Bodenpolitik in Verbindung mit fundierten Wohnungsmarkt-Prognosen und Wohnraum-Konzepten der wesentliche Schlüssel. Nur mit ausreichend Bauland zu vertretbaren Preisen für die verschiedenen Marktund Preissegmente werden wir die Nachfrage aller Haushalte bedienen können“, gab Christian Huttenloher, Generalsekretär Deutscher Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung zu bedenken.

Aber auch die hohen Auflagen und Standards sind enorme Kostentreiber: „Wir brauchen den Mut, unseren Standard in Frage zu stellen. Wünschenswert wären Beispielprojekte mit allen Akteuren, um Lösungen zu schaffen. Dabei geht es auch um die Frage „Wie viel Wohnraum können wir uns leisten?“ und um Standards mit Augenmaß“, so Sven Martens, Architektenkammer Niedersachsen und Geschäftsführer der „gruppeomp“ Architektengesellschaft. Zur Frage der Flexibilität führte Annamaria Deiters-Schwedt, Prokuristin empirica AG, aus, dass Wohnen vor 50 Jahren gar nicht so anders als heute war. Hierzu Streicher: „Flexibilität ist kein neues Thema, aber heute eine Frage der Umsetzbarkeit. Beispielsweise sind mobile Trennwände unter den derzeitigen Schallschutzbestimmungen gar nicht zu realisieren. Außerdem kostet Flexibilität auch immer Geld, was aktuell mit Blick auf die ohnehin schon hohen Baukosten nicht zielführend ist.“

Deiters-Schwedt sieht so auch „Flexibilität nicht nur auf der Ebene der einzelnen Wohnung, sondern vor allem auf der Ebene der Gebäude und ganzer Quartiere. Wenn ich dort die Möglichkeit habe, mich auf zukünftige Änderungen in den Nutzungsanforderungen einzustellen, trägt das wesentlich zu einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung bei.“ Insgesamt wurde deutlich, dass die derzeitigen Rahmenbedingungen die Schaffung bedarfsgerechter Wohnungsangebote für alle Nutzergruppen erschweren. Streicher: „Alle versuchen für den Bedarf zu bauen. In Teilen zwingen uns aber gesetzliche Vorgaben, eine Art von Wohnungsbau zu betreiben, der langfristig möglicherweise am Bedarf vorbeigeht. Wenn sich der Markt dann entspannt, werden einige Angebote vermutlich nicht mehr marktfähig sein. Daher sind heute Rahmenbedingungen erforderlich, die das Bauen für morgen ermöglichen.“ (Text: Eva-Maria Lammers)

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