Wiederholt sich die Geschichte?

Der Klimawandel findet auch in den Köpfen statt

Veröffentlicht am 2. September 2019

Die schwedische Schülerin Greta Thunberg gilt als die Gründerin und Initiatorin der globalen Bewegung „Fridays for Future“, die vor allem durch die Sozialen Netzwerke sehr großen Zulauf bei der jungen Generation gefunden hat. (Foto: „Fridays for Future“)

In allen Medien wird vom Klimawandel gesprochen. Die Bewegung „Fridays for Future” beherrscht nicht nur die Medien, sondern mittlerweile auch die politische Diskussion. Und sie polarisiert die Gesellschaft. Aber ist das der einzige Klimawandel? Die Diskussion rund um den Klimawandel und deren Auswirkungen auf uns und unser direktes Umfeld verdeckt leider einen ganz anderen Klimawandel, der weit tiefgreifender, dramatischer und bedrohlicher für uns und unsere Gesellschaft ist.

Still und heimlich, unbeobachtet von Politik und Medien, verändert sich das weltweite Wirtschaftsklima, in besonders dramatischer Art und Weise in Deutschland und Europa. Seit Monaten geht das Wirtschaftswachstum nicht nur zurück, nein, es ist bereits negativ geworden. Große, weltweit agierende Unternehmen haben begonnen, sich von Mitarbeitern zu trennen und ihre Beschäftigtenzahlen zurückzufahren. In unserem Land haben schon wieder viele Unternehmen Kurzarbeit geplant und teilweise auch schon Kündigungen von Mitarbeitern angekündigt. Getrieben von ökologischen Fakten, hat man in Deutschland begonnen, eine der Kernindustrien, den Autobau, zurückzufahren und zu zerstören, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was mit den vielen Zulieferern, Dienstleistern und Logistikern passieren wird. Stirbt die Autoindustrie, stirbt unsere Wirtschaft – so einfach ist das. Massenarbeitslosigkeit droht.

Die Mitte der Gesellschaft bröckelt

Und damit wird ein weiteres Problem gefördert, das heute schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist – die Wohnungslosigkeit: In vielen Städten steigt die Zahl der wohnungslosen Familien. Betroffen sind nicht mehr nur Menschen, die aufgrund persönlicher Einzelschicksale in Verbindung mit zum Beispiel Alkohol- oder Drogenabhängigkeit obdachlos geworden sind. Nein, immer mehr Menschen aus der Mitte der Gesellschaft verlieren Ihre Wohnung durch Eigenbedarfskündigungen, Sanierungsmaßnahmen oder manchmal auch aufgrund von Arbeitslosigkeit und den damit verbundenen Einkommensverlusten. Wohnungen werden unbezahlbar für viele Menschen, die jeden Tag aufstehen und zur Arbeit gehen.

Der Staat hat durch normative Vorgaben und deutliche Steigerungen von Abgaben und Steuern ganz klar auch zu Preissteigerungen beigetragen. Der soziale Wohnungsbau wurde zurückgefahren, viele Wohnungen fallen aus der Mietpreisbindung und werden nun teuer – alles Faktoren, die sich negativ auf den Wohnungsmarkt und die Preisentwicklungen auswirken. Die Zahl der Menschen, die weit mehr als die Hälfte Ihres Einkommens für Wohnen ausgeben, steigt ständig. Die Meinung der Politik, dass das sogenannte „Münchner Modell“ die Lösung sei, hat sich durchgesetzt und ist mittlerweile geübte Praxis geworden. Was aber passiert bei diesem Modell der Baurechtsschaffung? Ganz einfach, der Investor baut 25 bis 30 % der neuen Wohnungen als öffentlich geförderte Wohnungen. Das ist gut, ganz bestimmt.

Aber der Bau von öffentlich geförderten Wohnungen kann unter den aktuellen Voraussetzungen nicht kostendeckend ausgeführt werden. Also finanziert man mit den Erlösen aus den restlichen 70 bis 75 % der gebauten Wohnungen die Verluste aus den geförderten Wohnungen. Damit werden diese Wohnungen entsprechend teuer und können nur von sehr solventen und gut verdienenden Bürgern gekauft oder gemietet werden. Die Mittelschicht, der normale Arbeitnehmer, bleibt bei diesem Modell außen vor, für ihn wird eben nicht gebaut.

Auch das Diskussionsklima hat sich verändert: Sowohl in öffentlichen politischen als auch in privaten Diskussionen via Social Media ist eine deutliche Verrohung der Sprache festzustellen. Besonders der linke und rechte Rand der Gesellschaft wird im Gebrauch radikaler Floskeln immer geübter. Die Medien folgen dem Zeitgeist und berichten bevorzugt entweder über linke oder rechte Bewegungen der Gesellschaft, die ausgewogene Mitte wird ignoriert oder ausgeblendet. Dazu kommt, dass sich einige Meinungsmacher darauf eingeschossen haben, ganze Branchen medial zu denunzieren und Unwahrheiten über sie zu verbreiten.

Landwirte als Prügelknaben

Als „gutes Beispiel“ dafür möge die Landwirtschaft dienen. Sie ist seit vielen Jahrhunderten eine der zentralen Branchen in unserem Land. Sie versorgt uns mit guten, qualitativ hochwertigen Lebensmitteln. Sie ist ein regional wichtiger Wirtschaftsfaktor, denn sie beschäftigt auch das Handwerk. Auch hegt und pflegt sie unser Kulturland. Über viele Jahrhunderte hinweg war der Bauernstand sehr angesehen. Seit einigen Jahrzehnten jedoch hat sich das Bild, das die Bevölkerung von diesem Berufsstand hat, erheblich gewandelt: Unter dem Druck der „Geiz ist geil“-Mentalität der Gesellschaft und der zunehmenden Marktmacht großer, internationaler Nahrungsmittelkonzerne, die mit brachialer Gewalt die natürlichen Ressourcen (Wasser und Land) zur Produktion industriell gefertigter Nahrungsmittel an sich gerissen und auch den Handel inzwischen monopolisiert haben, wurde die Landwirtschaft gezwungen, immer billiger und in immer größeren Mengen zu produzieren.

Die Folge dieser Industriealisierung der Landwirtschaft: Der Kleinbauer, wie wir ihn von früher kennen, ist fast ausgestorben oder kann nur noch mit Hilfe von regionalen Marktnischen überleben. Heute wird der Landwirt in breiten Teilen der Gesellschaft als Tierquäler und Umweltvergifter gesehen, was er definitiv nicht ist. Ein weiteres Beispiel ist die völlig aus dem Ruder gelaufene Diskussion über Dieselfahrzeuge zu erwähnen: Mit Gewalt soll die E-Mobilität nach vorne getrieben werden, obwohl bereits längst bekannt ist, wie umweltschädlich auch diese Technologie und vor allem wie untauglich sie für den Alltag der meisten Bürger ist. Viel bessere Technologien, wie Verbrennungsmotoren, die mit Wasserstoff betrieben werden und weit alltagstauglicher sind, werden ignoriert oder mittels falscher Fakten einfach totgeschwiegen.

Was aber bewirkt diese einseitige Meinungsmache? Eine der wichtigsten Schlüsselindustrien in Deutschland wird zerstört. Die Folge: Massenentlassungen bei den Autoherstellern mit allen negativen Folgen, die unmittelbar damit zusammenhängen. Ja, das Klima ändert sich und das ist gefährlich: Massenarbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit, Verrohung der Sprache, das ist die Basis für weit schlimmere Entwicklungen, die wir in unserem Land schon hatten und die wir eigentlich nie wieder haben wollen.

Die Geschichte darf sich nicht wiederholen

Vor rund 100 Jahren waren die Vorzeichen zwar andere, aber sie sind dennoch sehr identisch: Auch damals gab es die Massenarbeitslosigkeit, viele Menschen hatten keine Wohnung und keine Perspektive. Damals wurde dann eine Gruppe von Menschen für all die Probleme verantwortlich gemacht. Der Antisemitismus wurde gesellschaftsfähig und führte zum größten Verbrechen der Menschheit, der Massenvernichtung von Juden in Konzentrationslagern. Heute wird eine andere Gruppe für alles verantwortlich gemacht. Es sind die Menschen, die aus verschiedenen Gründen ihre Heimat verlassen haben und nun als Flüchtlinge bei uns gelandet sind. Ja, es wird immer mehr gesellschaftsfähig, gegen diese Gruppe von Menschen zu hetzen und sie für alles, was negativ ist, verantwortlich zu machen.

Vor 100 Jahren gab es wie heute auch eine gesellschaftliche Mitte, die diese Trends nicht mitmachten, sich aber auch nicht dagegen stellten. „Ich habe davon nichts gewusst“, das war die Ausrede und das ist sie auch heute wieder. Ich halte diese Veränderungen im Wirtschaftsklima, Gesprächsund Diskussionsklima für weit gefährlicher als die Veränderungen des natürlichen Klimas. Wenn wir es weiter zulassen, dass sich unsere Gesellschaft so rasant und vor allem nachhaltig negativ verändert, die politische und gesellschaftliche Mitte weiter so ausgeblendet und ignoriert wird, wird kurzfristig ein derart hoher Druck entstehen, der sich dann in sozialen Unruhen auswirken wird.

Mahnmale auf deutschem Boden – sie erinnern nicht nur an das dunkelste Kapitel unserer Geschichte, sondern sie sind auch Verpflichtung, zu verhindern, dass sich die Verbrechen an der Menschlichkeit jemals wiederholen. Betrachtet man dann noch die Entwicklungen in Europa, weg von einem gemeinsamen Europa hin zu einem Europa mit nationalistischen Einzelstaaten, vermag man es nicht mehr auszuschließen, dass diese Entwicklung wieder zu einem Krieg mitten in unserem Kontinent führen kann. Diese Respektive mag jetzt für viele zu weit hergeholt sein. Aber ein Blick zurück um 100 Jahre in unsere Vergangenheit mag da reichen, dieses Bild zu realisieren und die potenzielle Gefahr zu erkennen. Und ganz ehrlich, ich wünsche mir, dass ich zu weit denke und diese düstere Aussicht nicht wahr werden möge.

Über den Autor

David Jacob Huber, geboren im Jahr 1966, aufgewachsen in einem kleinen Bergdorf in Kärnten/Österreich. Nach der Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und später zum Speditionskaufmann verließ er seine Heimat, um Berufserfahrung im Ausland zu sammeln. Seit nunmehr fast 30 Jahren lebt und arbeitet er in Bremen und Niedersachsen, wo er seit 8 Jahren einen Unternehmerverband der Immobilienwirtschaft erfolgreich leitet und das Netzwerk rund um diesen Verband ständig erweitert und ausbaut.

Seit einigen Jahren schreibt er regelmäßig Editorials und Fachartikel für mehrere Immobilienzeitungen und Zeitschriften. Er ist ein Mensch, der globaler denkt und Dinge aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und in Zusammenhang bringt. Seine Leidenschaft gilt dem Netzwerken und dem Verbinden von Menschen mit unterschiedlichen Aufgaben, um daraus etwas Gutes zu formen.