BFW-Editorial von David Jacob Huber

Stellungnahme zu aktuellen Themen

Veröffentlicht am 1. August 2018

BFW-Geschäftsführer David Jacob Huber vom Landesverband Niedersachsen / Bremen.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Immobilienfreunde, angesichts des Jahrhundertsommers fällt es mir zugegebenermaßen schwer, nicht über das Wetter zu schreiben, dass in diesem Jahr sicherlich außergewöhnlich war und ist. Aber nicht nur wettertechnisch war dieser Sommer sehr heiß. In Niedersachsen wurde in der Frühjahrssitzung der „Konzertierten Aktion“ beschlossen, ein „Bündnis für bezahlbares Wohnen in Niedersachsen“ zu gründen. Sehr schnell nahm dieses Bündnis seine Formen an und die Arbeit auf. Bisher haben in insgesamt 5 Arbeitsgruppen 17 Tagungen stattgefunden und es wurden viele Seiten mit Stellungnahmen und Protokollen geschrieben. Ich bin sehr gespannt, was am Ende als konkrete Vorschläge an die Landesregierung vorgelegt werden wird.

Bezahlbares Wohnen – ich stelle mir immer öfter die Frage: Was ist das denn überhaupt „bezahlbares Wohnen“? Wie definiert sich „bezahlbares Wohnen“? Grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass „Wohnen“ eines der Grundbedürfnisse des Menschen ist. Und es ist ein Grundrecht. Wie aber muss eine „bezahlbare Wohnung“ aussehen? In den Arbeitsgruppen habe ich festgestellt, dass es gerade in diesem Punkt ein sehr, sehr breites Meinungsspektrum gibt. Das Wohnen prägt seit Menschengedenken die Dörfer, Städte und Metropolen. Der Großteil der Gebäude, die je gebaut wurden, waren und sind Wohnbauten. Sie spiegeln die Lebensgewohnheiten und Trends der jeweiligen Zeit, in denen sie gebaut wurden, wieder. Allein in den letzten 150 Jahren haben sich so viele Veränderungen im Bau- stil ergeben und gerade diese Veränderungen machen unsere Städte und Dörfer zu dem, was sie sind – zu unserer Heimat.

Menschen, die in Wohnungen leben (müssen), in denen sie sich nicht wirklich wohlfühlen, werden sich selten mit ihrer Stadt, mit ihrem Quartier, identifizieren und sich dort auch nicht engagieren. Das sieht man sehr schön am Beispiel der Plattenbausiedlungen, die inzwischen einen deutlichen Aufwärtstrend geschaffen haben und in denen Menschen jetzt gern leben. Kaum war die Möglichkeit geschaffen, andere Wohnungen zu beziehen, verließen die Menschen scharrenweise diese Quartiere, die dann oftmals zu sozialen Brennpunkten mutiert sind. Interessant ist es, dass sich hier der Trend langsam umkehrt und ja, es gibt schon wieder Plattenbausiedlungen, die einen Aufwärtstrend geschafft haben und wo Menschen jetzt gerne leben.

Im Zuge der Recherchen zu Themen, die wir für unsere diesjährige Nordwestdeutsche Immobiliennacht in Bremen ausgesucht haben, habe ich mich viel mit „bezahlbarem Wohnen“ und „Wohnkultur“ in unserem europäischen Umland beschäftigt. Besonders fasziniert hat mich dabei Wien. Wer kennt sie nicht, die Wiener Gemeindebauten? Wunderschöne Gebäude mit aufwändig gestalteten Fassaden stehen direkt neben modernen Häusern und bilden eine faszinierende Einheit. Gerade in Wien kann man den Wandel der Wohnbautrends unfassbar gut nachempfinden und nachvollziehen.

Wer ist nicht schon über eine der alten Holztreppen, die bei jedem Schritt knarren, in so einem Gemeindebau nach oben gegangen und hat dabei das Gefühl gehabt, in die Geschichte einer großen Stadt einzutauchen? Ich habe in Wien schon viele solcher Gebäude besuchen dürfen und habe dort wunderschöne, alte Aufzüge gefunden, bin mit Paternostern gefahren und habe die aufwändig hergestellten Eingangstüren bewundert.

Oftmals wurden diese Gebäude liebevoll saniert und auf den jeweils modernen Stand der Technik gebracht. Aber stets wurde dabei auch darauf geachtet, den ursprünglichen Spirit des Gebäudes zu erhalten. Ein Wiener, der eine Wohnung in einem der vielen Gemeindebauten ergattert hat, hat es geschafft, er wird dort nie wieder freiwillig ausziehen. Ein Blick in die Niederlande war dann doch etwas ernüchternder, denn dort werden andere Ansprüche an Wohnbauten gestellt. Sie sind einfacher und gerade im Neubau kostengünstiger. In den Niederlanden ist es nicht ungewöhnlich, dass Leitungen sichtbar verlegt sind, die Technik im Gebäude insgesamt einfacher ist.

In diesem Zusammenhang freue ich mich schon sehr auf den Vortrag von Han Joosten über die Niederländische Baukultur, den er anlässlich der Nordwestdeutschen Immobiliennacht vortragen wird. Ein Blick geht aber auch in den Norden, nach Dänemark: Hier herrschen noch ganz andere Anforderungen an Wohngebäude. Ich bin gespannt auf die noch folgenden Gespräche mit Architekten und Vertretern der Wohnungswirtschaft aus dieser Region und darauf, was wir von unserem nördlichen Nachbarn lernen können.

Wohnungsbau in den Niederlanden: Außergewöhnlich, provozierend und irri- tierend zugleich, fesselt die moderne Architektur, wie hier in Zaandam, einem Vorort von Amsterdam, das Auge des Betrachters. Realität oder Fiktion? Diese Frage stellt sich auch beim Anblick des Ensembles auf dem Bild unten.

Was nehmen wir mit aus diesem kurzen Ausflug in unsere Nachbarländer? Wohnen ist Teil unserer Kultur und mit unseren Wohngebäuden definieren wir unsere Heimat. Im Norden und Süden, im Osten und Westen unseres Landes unterscheiden sich Gebäude in ihrer Architektur, aber auch in der Gestaltung der Anbindung an die Umgebung. In einer Stadt ist es selbstverständlich, dass eine optimale Anbindung an den ÖPNV vorhanden sein soll, während das draußen auf dem Land eine eher untergeordnete Rolle spielt. Auf dem Land ist es eher wichtig, genügend Stellplätze für Autos zur Verfügung zu haben, während dies in der Stadt mittlerweile weniger wichtig geworden ist. Grünflächen, Gärten, Parks, Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitangebote werden in den verschiedenen Regionen völlig unterschiedlich bewertet.

All diese unterschiedlichen Ansprüche an das Wohnen machen es so unglaublich schwer, den Begriff „Bezahlbares Wohnen“ innerhalb eines Bundeslandes wie Niedersachsen einheitlich zu definieren. Fakt ist aber, dass es für jedermann möglich sein sollte, eine seinen Bedürfnissen entsprechende Wohnung zu finden – und das zu Konditionen, die leistbar sind. Es kann und darf nicht sein, dass Bürger mehr als die Hälfte ihres Einkommens ausgeben müssen, um überhaupt eine Wonnung zu haben, die vielleicht noch nicht einmal ihren Bedürfnissen entspricht. Es wird eine große Aufgabe sein, kurzfristig genügend Wohnungen fertigzustellen, die den Bedürfnissen der Bewohner entsprechen und von diesen auch bezahlt werden können. Ich erinnere daran: „Jeder Mensch hat ein Recht auf angemessenen Wohnraum!“

Ihr
David Jacob Huber
BFW-Geschäftsführer Landesverband Niedersachsen / Bremen