BFW-Editorial von David Jacob Huber

Stellungnahme zu aktuellen Themen

Veröffentlicht am 1. Oktober 2018

BFW-Geschäftsführer David Jacob Huber vom Landesverband Niedersachsen / Bremen.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Immobilienfreunde, ich möchte Sie heute auf eine kleine Reise mitnehmen. Sie führt uns in den Süden, in unser benachbartes Ausland Österreich, genauer gesagt, in meine Heimat Kärnten. Es ist ein wunderschönes Land, eingerahmt von den Hohen Tauern im Norden und den Karawanken sowie den Dolomiten im Süden, geprägt von vielen Seen mit kristallklarem Wasser und kleinen Flüssen, die sich durch die romantischen Täler schlängeln. Seit Jahrhunderten hat sich der Stil der Häuser dieser Umgebung angepasst: Schlichte Fassaden, die hinter ausladenden Balkonen verschwinden. Früher waren Schindeldächer typisch, die leider von Dachziegeln verdrängt wurden. Zu jedem Haus gehört auch ein Garten, der mit einem kleinen Jägerzaun vom sogenannten „öffentlichen Raum“ getrennt ist.

Dieser Baustil ist mit einigen Abwandlungen sehr typisch für die Alpenregion. Etwas weiter im Norden, in Mittelfranken, finden wir einen anderen Stil: Wunderschöne Fachwerkhäuser, die eng aneinander gereiht an kleinen Straßen stehen, prägen dort das Bild der Dörfer und Städte. Am bekanntesten ist Rothenburg ob der Tauber, eine romantische Kleinstadt, die gerade durch die Fachwerkhäuser und den besonderen Stil der Stadtkirche St. Jacob weltbekannt geworden ist. Fachwerkhäuser finden wir auf unserer Reise in den Norden in vielen weiteren Gebieten bis hinein nach Niedersachsen.

Weiter im Norden finden wir nun einen ganz anderen Baustil: Den Wetterbedingungen ist es vermutlich geschuldet, dass wir hier immer mehr Gebäude finden, die klein und gedrungen sind. Flach und breit und mit Reetdächern. So sind sie wie geschaffen dafür, dem rauen Klima und den ständig wehenden Winden standzuhalten. Oft finden wir noch eine Kombination aus Fachwerk, roten Ziegeln und Reetdächern – eben typisch für den Norden. Es gibt diese typischen, regionalen Baustile aber nicht nur auf dem Land und in den Dörfern und Kleinstädten. Auch in den Städten wurde immer ein sehr regionaler Stil als Ausdruck der Beziehung der Baumeister zur Region gehegt und gepflegt. Ich möchte nur einen kleinen Blick nach Wien wagen, wo es immer üblich war, die Fassaden aufwändig zu gestalten. Oder nach Bremen, wo über viele Jahrzehnte hinweg in vielen Ortsteilen das typische „Bremer Haus“ gebaut wurde, das nach außen hin noble Bescheidenheit ausstrahlt, im Inneren aber gemütlich, ja beinahe luxuriös mit einem sehr großen Raumangebot gestaltet ist.

Vor einigen Jahrzehnten begann eine Veränderung: Bedingt dadurch, dass Menschen mobiler und flexibler geworden sind, begannen Architekten und Bauherren damit, Neubauten anders zu gestalten. Die regionalen Einflüsse wurden zurückgenommen und ein neuer, weltoffener Stil begann sich zu entwickeln. Interessant ist, wie sehr sich die Menschen in den Regionen mit den typischen Baustilen identifizieren. Ja, sie verbinden den Begriff „Heimat“ mit den Häusern ihrer Region. Und wenn man die Bürger einer Stadt, einer Kleinstadt oder eines Dorfes nach den schönsten Häusern in ihrer Heimat fragt, dann wird es zu 99% ein altes, typisches Haus aus der Region sein. Nur ganz selten wird dann tatsächlich ein Neubau erwähnt.

Leider wird sich der Trend der Veränderung fortsetzen. Im Zeichen der Wohnungsknappheit in vielen Metropolen geht es heute nicht mehr darum, ein bestimmtes Stadtbild, eine bestimmte Bautradition zu pflegen. Es entstehen immer mehr „beliebige“ Bauten, die ohne Zweifel auch schön sind. Die aber überall stehen könnten – sei es in Österreich, in Bayern, im Schwarzwald oder aber an der Küste. Dieser Trend wird immer mehr beschleunigt, besonders wenn wir über „seriellen Wohnbau“ reden. Das Haus von der Stange sozusagen. Das mag gut sein, muss es aber nicht. Ich finde, dass es immer schwerer wird, sich mit seiner Heimat, seiner Region, zu identifizieren. Heimat geht verloren. Und damit auch ein Stück Verantwortung. Denn kein Mensch übernimmt Verantwortung für etwas, mit dem er sich nicht identifiziert.

Wir, die wir Verantwortung in der Baulandschaft tragen, müssen uns daher nun auch mit Fragen beschäftigen, die wir bisher nicht kannten: Wie schaffen wir es, Quartiere, Dörfer und Städte so zu organisieren, dass es wieder eine Individualität gibt, mit der sich die Bürger identifizieren können – also ein Heimatgefühl für eine Region entwickeln, in der sich die Bürger wohlfühlen und gerne leben? Ich glaube, dass ein Umdenken nötig ist – weg vom Baustil hin zu sozialen Aspekten: Lebendige Quartiere, Dörfer und Städte müssen organisiert werden. Ein anderes soziales Miteinander muss geschaffen werden. Der regionale Einzelhandel wird zu Begegnungsstätten werden, in denen Menschen sich treffen, austauschen und Kontakte pflegen. In den Quartieren muss Platz für Kunst und Kultur geschaffen werden.

Wir brauchen in den Quartieren Orte, an denen sich Menschen für gemeinsame Aktivitäten treffen können. Für mich ist es immer wieder erstaunlich, wie gut frequentiert einige Lokale sind, die das gemeinsame Erleben von Veranstaltungen ermöglichen. Es gibt so viele Lokale, die bei jedem Bundesligaspiel gerappelt voll sind, weil dort alles stimmt – der Gastronom, das Angebot und vor allem der Ort. Es erstaunt mich aber auch immer wieder, wie gut besucht Dorffeste oder Stadtfeste sind, auch wenn sich der Charakter der Feste verändert. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir darüber nachdenken müssen, wie wir unsere Neubauten in den Quartieren einbinden, wie wir es schaffen, eine „Soziale Stadt“ zu bauen und zu organisieren. Jeder Bauherr oder Investor hat heute und in Zukunft mehr Verantwortung für das, was er baut und diese Verantwortung hört eben nicht an der Grundstücksgrenze auf. Wir müssen „Stadt“ und „Dorf“ neu denken, nicht mehr in Stein auf Stein, sondern in sozialen, gesellschafts-politischen Aspekten.

Das wird angesichts der neuen bau- und planungstechnischen Entwicklungen spannend. Serieller Wohnungsbau, BIM und andere Faktoren werden in naher Zukunft neue Denkweisen erfordern und völlig neue Berufsbilder schaffen. Der Kulturwandel im Städtebau ist längst im Gange. Er muss von Politik, Verwaltung und den Bauschaffenden verantwortungsvoll gestaltet und gelenkt werden. Alle Schichten der Gesellschaft müssen eingebunden und angemessen berücksichtigt werden. Das wird eine riesige Herausforderung in einer sich wandelnden Welt und Baukultur. Aber sie ist zu schaffen, sie muss geschafft werden. Schauen wir optimistisch in die Zukunft, die wir gemeinsam gestalten können.

Ihr
David Jacob Huber
BFW-Geschäftsführer Landesverband Niedersachsen / Bremen