Veröffentlicht am 1. Juni 2026
BFW-Geschäftsführer David Jacob Huber (Foto: BFW Niedersachsen-Bremen)
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Immobilienfreunde, der Frühling liegt spürbar in der Luft, die Natur erwacht nach einem langen Winter zu neuem Leben, doch beim nüchternen Blick auf die nackten Zahlen der Wohnungsbauentwicklung in Niedersachsen und Bremen fröstelt es einen unweigerlich
Die Baukosten verharren hartnäckig auf einem schwindelerregenden Rekordniveau, die Genehmigungsverfahren gleichen oftmals einem zermürbenden Marathonlauf durch unzählige bürokratische Hürden, und die Wohnungsnot wächst zusehends – in den stark verdichteten urbanen Zentren ebenso wie mittlerweile auch in den ländlichen Räumen.
Es ist kein Geheimnis und wir sprechen es als Verband in aller Deutlichkeit aus: Der Wohnungsbau kommt seit dem Jahr 2022 nicht wirklich voran. Dringend benötigte Projekte werden auf unbestimmte Zeit verschoben, notwendige Investitionen zurückgestellt, bereits weit fortgeschrittene Planungen schweren Herzens in die Schublade gelegt. Die Lage ist ernst, der Handlungsdruck ist riesig und duldet keinen weiteren Aufschub durch politische Taktierereien.
Das war auch der zentrale, alles überlagernde Tenor auf unserem 44. Hannover-Forum und unserem Landesverbandstag, der die drängendsten Fragen der Zeit aufgriff. Unter dem treffenden Motto „Wohnungsbau zwischen Regulierung, Kostendruck und kommunaler Verantwortung“ haben wir mit hochkarätigen Vertretern aus Politik, Verwaltung und Immobilienwirtschaft intensiv, kontrovers, aber stets lösungsorientiert diskutiert.
Unser Vorstandsvorsitzender Dirk Streicher, der auf unserer Mitgliederversammlung im Mai erfreulicherweise einstimmig für eine vierte Amtszeit bestätigt wurde, brachte es in seiner Begrüßung unmissverständlich auf den Punkt: „Bezahlbarer Wohnraum entsteht nicht durch weitere Regulierung, sondern durch mehr Angebot.“ Dem ist in der Sache nichts hinzuzufügen. Wir brauchen dringend schnellere Genehmigungsverfahren, eine spürbare und mutige Deregulierung sowie eine konsequente Anwendung des „Bauturbos“ in unseren Kommunen. Die Zeit der Ausreden und des Abwartens ist endgültig vorbei.
Die gute Nachricht ist: Der Wille zur Veränderung ist spürbar da. Das spiegelte sich in den tiefgehenden Gesprächen mit Matthias Wunderling-Weilbier, Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Bauen, und Arend Bewernitz, Senatsbaudirektor der Freien Hansestadt Bremen, wider. Die Landesregierung in Hannover überprüft derzeit systematisch und kritisch die bestehenden Richtlinien auf ihre Praxistauglichkeit. Bremen macht mit dem viel beachteten „Bremer Weg“ vor, wie Verwaltung und Wirtschaft an einem Strang ziehen können, um Planungs- und Genehmigungsprozesse pragmatischer, digitaler und verlässlicher zu gestalten.
Auch das „Hildesheimer Modell“, eindrucksvoll vorgestellt von Jens Bollmann, zeigt: Wenn wir nicht auf den perfekten, bürokratisch bis ins letzte Detail abgesicherten Plan warten, sondern einfach machen und frühzeitig kooperieren, geht es voran. Susanne Laue, Bürgermeisterin von Syke, brachte es treffend auf den Punkt: Wir müssen aus alten Denkmustern heraus.
Um genau diese neuen Denkmuster zu finden und uns für die Herausforderungen hierzulande inspirieren zu lassen, haben wir den Blick über den eigenen Tellerrand geworfen. Gemeinsam mit Minister Grant Hendrik Tonne reiste Mitte März eine 31-köpfige Delegation aus Verbänden, Kammern, der Wohnungswirtschaft und der Politik in die Niederlande.
Mit dem Zug fuhren wir klimafreundlich von Hannover nach Rotterdam, Amsterdam und Den Haag. Unser klares Ziel: Von unseren direkten Nachbarn lernen, wie Bauen einfacher, pragmatischer und letztlich günstiger werden kann. Denn auch die Niederlande kennen den immensen Druck auf dem Wohnungsmarkt. Die Immobilienpreise sind dort in den letzten zehn Jahren um dramatische 90 Prozent gestiegen, die Einkommen im selben Zeitraum jedoch nur um 36 Prozent. Die ehrgeizige Zielsetzung der dortigen Regierung lautet, das Wohnungsdefizit bis 2030 von aktuell 4,8 Prozent auf zwei Prozent zu senken. Dafür müssen jährlich 100.000 neue Wohnungen gebaut werden – und das zu zwei Dritteln im bezahlbaren Segment. Eine Mammutaufgabe, die nur mit vereinten Kräften zu stemmen ist.
Was wir in Den Haag, in tiefgründigen Gesprächen mit dem deutschen Botschafter Dr. Meier-Landrut und im niederländischen Bauministerium, sowie bei den faszinierenden Projektbesichtigungen in Rotterdam erlebten, war ein echter Augenöffner. Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Technik, sondern in der Mentalität.
Während bei uns in Deutschland oft die restriktive Devise „Bauen, was erlaubt ist“ gilt und eine regelverliebte Verhinderungsverwaltung das Tempo drosselt, heißt es in den Niederlanden: „Bauen, was nicht verboten ist.“ Aus einem deutschen „Nein, es sei denn…“ wird ein niederländisches, pragmatisches „Ja, sofern…“. Das ist beileibe kein leichtfertiger Umgang mit Regeln, sondern der bewusste, mutige Schritt hin zu einer ermöglichenden Planung, die ein gewisses Restrisiko akzeptiert, um drängende gesellschaftliche Ziele zu erreichen.
Die Niederländer machen uns eindrucksvoll vor, wie es gehen kann: Mit der sogenannten „Omgevingswet“ haben sie im Jahr 2024 stolze 26 Einzelgesetze zu nur einem einzigen, kohärenten Gesetzestext zusammengefasst. Ein echter Gamechanger! Eine digitale, kartenbasierte Genehmigungsumgebung schafft Transparenz für alle Beteiligten und beschleunigt die Prozesse enorm. Durch 35 regionale „Housing Deals“ wurden verbindliche, aber flexible Abkommen zwischen dem Staat, den Provinzen und den Kommunen geschlossen, von denen bereits rund 80 Prozent der Ziele erreicht sind.
Und auch bei den Baukosten wird pragmatisch angesetzt: Sicherheitsvorschriften sind oftmals weniger streng und überreguliert ausgelegt als bei uns, Baugenehmigungen erfolgen zügiger, und bei der Wohnungsübergabe werden kleinere Mängel im Nachgang unbürokratisch behoben, statt den Bezug monatelang zu blockieren. Das spart nicht nur Nerven, sondern halbiert in einigen Bereichen geradezu die Kosten. In Rotterdam sahen wir bei Projekten wie „Little C“ oder „De Roseknoop“, wie urbane Verdichtung, soziale Durchmischung und architektonische Kreativität funktionieren, wenn man mutig plant und Wohnen, Arbeiten sowie Freizeit intelligent kombiniert.
Natürlich können wir nicht alles eins zu eins kopieren. Auch unsere Nachbarn kochen nur mit Wasser und stehen vor massiven Hürden. Die Niederlande kämpfen massiv mit strengen Stickstoffauflagen, die den dringend benötigten Neubau von Wohnungen und Infrastruktur hemmen. Auch die Wartezeiten für Stromanschlüsse von bis zu zehn Jahren sind ein warnendes Beispiel, das zeigt, wie die Energiewende den Bau ausbremsen kann. Ebenso präsent ist dort die Finanzierungsillusion, dass private Investoren hohe Sozialquoten ohne staatliche Förderung stemmen können – eine Warnung, die wir uns in Deutschland ebenfalls zu Herzen nehmen sollten.
Doch die positiven Impulse für uns in Niedersachsen und Bremen sind glasklar: Wir brauchen einen tiefgreifenden Kulturwandel in den Amtsstuben und auf den Baustellen. Wir müssen unsere eigenen, oft überzogenen Standards kritisch hinterfragen – schließlich braucht nicht jede Wohnung zwingend die maximale DIN-Norm-Ausstattung. Wir müssen kommunale Sonderauflagen konsequent abbauen und das Serielle Bauen flächendeckend ermöglichen, um Skaleneffekte zu nutzen. Und wir müssen die Planungszeiten drastisch verkürzen. Von sieben Jahren auf sieben Monate – das muss unser ambitioniertes Ziel sein.
Genau an diesem Punkt setzen wir als BFW-Landesverband Niedersachsen/Bremen mit Nachdruck an. Wir analysieren derzeit intensiv und detailliert die Novelle der Wohnraumförderung in Niedersachsen und bereiten eine fundierte, praxisnahe Stellungnahme dazu vor.
Es ist ein starkes, wichtiges Signal, dass die Landesregierung über die NBank zusätzliche Mittel in Aussicht gestellt hat, aber das Geld muss auch schnell, verlässlich und unbürokratisch dort ankommen, wo es gebraucht wird. Die Fördermittel in Höhe von 800 Millionen Euro auf Bundesebene für den Neubau sind ein Anfang, aber wir fordern dauerhaft verlässliche Rahmenbedingungen auf Landes- und Bundesebene. Nur so können unsere mittelständischen Familienunternehmen wieder das tun, was sie am besten können: Wohnraum schaffen, der bezahlbar und lebenswert ist.
Dass das funktioniert, zeigt eine Grundsteinlegung in Göttingen, bei der ich als Gast mit dabei sein durfte. Das „Liesl-Quartier“ wird von der Wertgrund Immobilien AG in Zusammenarbeit mit der Wohnraum-Niedersachsen GmbH umgesetzt. Ein hochwertiges Quartier mit rund 200 Wohnungen im ersten Bauabschnitt, davon 67 Wohnungen als geförderter Wohnbau für Menschen mit geringem Einkommen, entsteht zentrumsnah. Grant Hendrik Tonne wies in seiner Rede zu Recht darauf hin, dass solche Projekte nur möglich sind, wenn private, mittelständische Unternehmen als Kapitalgeber und Investoren auftreten. Es ist übrigens das zweite Projekt der Wohnraum-Niedersachsen GmbH. Auch das erste Projekt in Hannover entsteht in Zusammenarbeit mit einem Mitgliedsunternehmen des BFW Landesverbandes Niedersachsen Bremen – die Norddeutsche Wohnbau GmbH ist dort der Investor und Entwickler.
Dafür braucht es eine starke, geeinte Stimme der Immobilienwirtschaft im Dialog mit der Politik. Je mehr wir sind, desto mehr Gewicht haben wir. Ich gratuliere an dieser Stelle unserem neu gewählten Vorstand sehr herzlich. Neben Dirk Streicher als bewährtem Vorsitzendem freuen wir uns außerordentlich über Ulrike Schaper als neue stellvertretende Vorsitzende. Sie löst Frank Vierkötter ab, dem ich für sein langjähriges und stets konstruktives Engagement im Vorstand danke – er bleibt uns glücklicherweise mit seiner Expertise im Beirat erhalten. Philipp Weber bleibt als stellvertretender Vorsitzender ebenso verlässlich an Bord wie Dr. Markus Böger als wachsamer Schatzmeister. Mit Markus Menjacki begrüßen wir zudem ein neues, engagiertes Gesicht im Beirat, der sich vor allem gegen regulatorische Unsicherheit einsetzen will. Diese personelle Kontinuität, gepaart mit gezielter Erneuerung, gibt uns die Kraft, die Interessen der Branche weiterhin nachdrücklich, laut und erfolgreich in die politischen Entscheidungsprozesse einzubringen.
Lassen Sie uns den Mut zum Pragmatismus fassen, den wir in den Niederlanden gesehen haben. Der Weg zu günstigem Bauen führt über Vertrauen, ehrliche Debatten und eine breite Allianz aller Akteure – Verbände, Kammern, Politik und Wohnungswirtschaft müssen an einem Strang ziehen. Wir dürfen nicht in unseren jeweiligen Zuständigkeiten verharren, sondern müssen gemeinsam an pragmatischen Lösungen arbeiten. Nur so können wir die Wohnungsbaukrise überwinden und den sozialen Frieden in unserem Land sichern. Wir, der BFW Landesverband Niedersachsen/Bremen, stehen bereit, diesen Weg aktiv mitzugestalten. Herausforderungen meistern. Chancen nutzen. Zukunft gestalten.
Ihr David Jacob Huber