Die ländlichen Räume im Fokus

Veröffentlicht am 23. Mai 2022

Die ländlichen Räume im Fokus

„Photovoltaik-Anlagen auf überbauten Flächen wie Dächern, Parkplätzen und anderen versiegelten Bereichen müssen die erste Wahl sein, damit Freiflächen in der Natur und Landwirtschaft für ihre eigentlichen Zwecke freigehalten werden.“

Wenn die Corona-Pandemie abseits der eigentlichen Krisenbewältigung eines gezeigt hat, dann, dass vor allem die länd-lichen Räume zum Leben und Arbeiten stetig an Attraktivität gewinnen. Dies bestätigt zum Beispiel auch eine repräsenta-tive Umfrage des Bundeslandwirtschaftsministeriums aus dem vergangenen Jahr: Danach geben 81 Prozent der Befragten an, dass ländliche Regionen als Ort zum Leben sehr attraktiv empfunden werden.

Etliche Vorzüge des Lebens auf dem Lande wurden im Lichte der Corona-Beschränkungen schlagartig sichtbar: Platz, Natur und ein hoher Erholungswert. Schließlich hat auch der temporäre Zwang in vielen Branchen, die Arbeit während der Pandemie aus dem „Homeoffice“ zu erledigen, zu einem Aufwind für das Landleben geführt.

Diese Entwicklungen haben naturgemäß spürbare Auswirkungen auf den Immobilienmarkt: Die Nachfrage nach Bauland und Bestandsimmobilien führt auch in den ländlichen Regionen zu einem anhaltenden Preisanstieg – zwar nicht so ausgeprägt wie in den Ballungszentren, aber mit einem deutlichen Trend. Dabei geraten nicht nur Neubaugebiete für Einfamilienhäuser in den Fokus, sondern zunehmend auch Gewerbegebiete und landwirtschaftliche Flächen. Leider bestehen jedoch weiterhin spürbare Defizite für den Standort „Land“, deren Behebung offenbar mehr Marathon als Sprint sind: Oftmals unzureichende Anbindung der öffentlichen Verkehrsmittel sowie „graue Flecken“ ohne guten Mobilfunkempfang und Breitbandnetze.

Neue Herausforderung: Photovoltaik auf versiegelte Flächen, nicht auf Äcker!

Zu den beschriebenen Entwicklungen gesellt sich aktuell ein besorgniserregender Trend: Der zunehmende Flächendruck durch die Folgen des Krieges in der Ukraine und die Abkehr von fossilen Energieträgern. Investoren suchen nach möglichst großen und einfach zu realisierenden Flächen für Freiflächen-Photovoltaikanlagen. Dass die Solarkraft einen bedeutsamen Beitrag zur Bekämpfung der Klimakrise und Verringerung der Abhängigkeiten von Lieferungen fossiler Energieträger wie Öl und Gas leisten kann, ist unbestritten. Freiflächen-Photovoltaik kann hierfür angesichts der Endlichkeit vorhandener Flächen nicht die Lösung sein. Der Ausbau würde den Verbrauch des Freiraumes vorantreiben und die ländlichen Räume über Gebühr belasten. Landwirtschaftliche Flächen werden – auch das zeigt der Krieg in der Ukraine – dringend für die Lebensmittelerzeugung benötigt, wenn globale Lieferketten ins Stocken geraten.

Dabei gibt es für Photovoltaik-Anlagen in den besiedelten Räumen mehr als genügend potentielle Flächen, die genutzt werden könnten: Viele Dächer in Städten und Dörfern, überbaubare Parkplätze und Straßenflächen, Lärmschutzwände und dergleichen. Wir müssen hier den – naturgemäß für Investoren gegenüber den Freiflächen anstrengenderen – Weg gehen und die Ballungsräume für die Energieerzeugung in die Pflicht nehmen. Andernfalls droht eine Flächenkonkurrenz außer Kontrolle zu geraten und ländliche Räume unverhältnismäßig stark zu beanspruchen.

Alte Herausforderung: Ortskerne attraktiv halten und neue Arbeitswelten ermöglichen

Auch wenn die eingangs beschriebene Beliebtheit der ländlichen Räume zu begrüßen ist, gibt es im Lichte der Pandemie bekannte Sorgen. Die Corona-Beschränkungen haben den Trend verstärkt, dass vielen Händlern, Gastwirten und Gewerbetreibenden in den Ortskernen die Kunden ferngeblieben sind. Onlinehändler wie Amazon und Co. hatten leichtes Spiel, ihre Waren per Lieferdienst an die Kunden im ganzen Land zu bringen. Es gilt daher, mit neuen Konzepten und attraktiven Angeboten die Menschen zurückzugewinnen. Andernfalls drohen die Ortskerne und Innenstädte mit Leerständen und Verfall ihre Attraktivität als Anziehungspunkt schleichend zu verlieren.

Die Not macht bekanntlich erfinderisch und so sind viele Kommunen und Gewerbetreibende neue Wege und Kooperationen eingegangen, um ihre Kundenbeziehungen zu pflegen. Hier gilt es, die Ansätze weiterzuverfolgen und insbesondere seitens des Landes und des Bundes finanziell zu unterstützen. Ein Ansatz sind hier Co-Working-Spaces, die auch in den ländlichen Räumen immer gefragter werden. Derartige Einrichtungen und Mehrfunktionshäuser zur temporären und wechselhaften Benutzung können Selbstständigen und abhängig Beschäftigten mit „Remote-Tätigkeiten“ Orte der Begegnung und Arbeitsmöglichkeit bieten. Gleichzeitig können Ortskerne durch den Aufenthalt und die Anziehungskraft dieser Einrichtungen neu belebt werden.

Dr. Marco Trips,
Präsident des NSGB